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Leipzig blickt auf eine über hundertjährige genealogische
Tradition zurück
Die Geschichte der Genealogie in Sachsen ist noch zu schreiben. In ihr wird
die hundert- jährige genealogische Tradition in Leipzig einen bedeutenden Platz
einnehmen. Meilensteine in dieser Tradition sind besonders die beiden Gründungen
der „Zentralstelle für deutsche Personen- und Familiengeschichte"
am 16. Februar 1904 und der „Zentralstelle der Genealogie in der DDR"
am 1. Oktober 1967 in Leipzig.
Leipzig gehörte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den wohlhabendsten Städten
Deutschlands und war besonders als Welthandelsplatz durch seine Messe bekannt.
Sie wurde die Stadt der Bücher genannt, denn über fünf Jahrhunderte war Leipzig
die Kapitale des gedruckten Wortes. Geist und Gewerbe, Künstler und Kaufleute,
Bücherfürsten und Börsenverein schufen hier eine einzigartige literarische
Kultur. Das letzte Monument dieses literarischen Leipzigs war die als
Nationalbibliothek konzipierte „Deutsche Bücherei" die zu ihrer Gründung die
Aufgabe hatte, das gesamte in- und ausländische deutschsprachige Schrifttum seit
1913 zu sammeln 3). Weiterhin finden wir in Leipzig die 1409 gegründete,
zweitälteste Universität Deutschlands, die hervorragende Wissenschaftler in
ihrem Lehrkörper hatte, vor allem auf dem Gebiet der Geschichte. Erinnert sei
hier an Leopold von Ranke und Heinrich von Treitschke. Auch befand sich in den
Mauern der Stadt der gemeinsame oberste Gerichtshof Deutschlands, das
Reichsgericht. Außerdem waren bedeutendes Gewerbe und Industrie, wie das
graphische Gewerbe und der Maschinenbau, in der Stadt angesiedelt. So ist es
nicht verwunderlich, dass in diesem Umfeld die Genealogie einen guten Nährboden
hatte. Aus der städtischen Elite, die sich aus Kaufleuten, Wissenschaftler,
Juristen und Ingenieuren der die Stadt prägenden Institutionen zusammen setzte,
fanden sich fünf genealogisch interessierte Personen, die außerdem noch
Mitglieder der „Deutschen Gesellschaft zur Erforschung vaterländischer Sprache
und Altertümer" waren, zu einem Gremium zusammen. In mehreren Beratungen in den
Jahren 1902 und 1903 wurde durch sie die Gründungsversammlung der „Zentralstelle
für deutsche Personen- und Familiengeschichte" für den 16. Februar 1904
vorbereitetet und erfolgreich durchgeführt.
Einen Abriss über den Weg der Zentralstelle in Leipzig von den Anfängen in
den Jahren 1900/1904 bis zu ihrer Reorganisation im Jahre 1990 hat W. Schupp
veröffentlicht. Er unterscheidet fünf Phasen, die er ausführlich beschreibt und
die hier nicht wiederholend dargestellt werden sollen: 1. 1900/1904-1918:
Genesis und Konsolidierung, 2. 1919-1933: Stabilisierung und Floridität, 3.
1933-1945: Assimilation, 4. 1945-1967: Interim und Stagnation und 5. 1967-1990:
Restitution und Reaktivierung.
In fast allen Arbeiten über die Zentralstelle wird besonders auf die
wechselseitigen Beziehungen zwischen Zentralstelle und Deutscher Bücherei
hingewiesen. Stellvertretend dafür sei an dieser Stelle erinnert, dass nach
J.
Hohlfeld, dessen Namen unzertrennbar mit der Zentralstelle verbunden ist,
annähernd 20.000 Bände, die, ab 1921 erschienen, von der Zentralstelle gesammelt
und bibliographisch erschlossen worden, der Deutschen Bücherei zur Verfügung
gestellt worden sind. Zu Johannes Hohlfeld ist zu sagen, dass er zweifellos als
der bedeutendste und erfolgreichste Leiter der Zentralstelle anzusehen ist.
Eine besondere Beachtung bedarf die Zeit von 1945 bis 1967, denn durch die
Ergebnisse des 2. Weltkrieges wurde letztendlich Deutschland in zwei Staaten
geteilt, die gegensätzlichen Gesellschaftssystemen angehörten. Davon wurde auch
die deutsche Genealogie betroffen. In Westdeutschland organisierte sich die
Genealogie vorrangig auf Vereinsebene, in Ostdeutsch- land wurde sie staatlich
oder auf Kulturbundebene organisiert. In einer Veröffentlichung über „Die
Entwicklung der Leipziger Zentralstelle von 1949 bis 1967 - Ein Beitrag zur
Geschichte der Genealogie in der DDR" behandelt V. Weiss den eben erwähnten
Zeitraum. Der sich besonders dafür Interessierende wird auf diese Arbeit
verwiesen.
Am 1. Oktober 1967 wurde in Leipzig die „Zentralstelle für Genealogie in der
DDR" als archivische Sammel- und Auskunftsstelle gebildet, die der Staatlichen
Archivverwaltung direkt unterstellt war, gegründet. Vorausgegangen waren eine
Reihe von Gutachten von Historikern, Soziologen und Naturwissenschaftlern , die
diese Gründung empfohlen haben. In dieser Einrichtung sollte die gesamten
einschlägigen Genealogica der DDR konzentriert werden, was auch zu großen Teilen
geschah. Besonderer Erwähnung bedarf hier der verdiente Genealoge Kurt Wensch
(1902-1997). Die bisher von ihn betreuten genealogischen Unterlagen im
Staatsarchiv Dresden wurden durch ihn in die Zentralstelle eingebracht.
Weiterhin erwähnenswert ist die von der Zentralstelle gepflegte Zusammenarbeit
mit der damaligen Arbeitsgemeinschaft Genealogie Leipzig, die auch heute vom
Staatsarchiv Leipzig mit der Leipziger Genealogische Gesellschaft e.V.
fortgeführt wird.
Der 3. Oktober 1990 beendete die Zweistaatlichkeit Deutschlands. In dessen
Folge wurde die „Zentralstelle für Genealogie der DDR" als „Deutsche
Zentralstelle für Genealogie" in die Hoheit des Bundeslandes Sachsen, später
wieder Freistatt Sachsen, verwiesen. Durch Kabinettsbeschluss ist seit dem 1.
Juli 1995 die Zentralstelle als Fachabteilung dem Sächsischen Staatsarchiv
Leipzig unterstellt, wobei die Nutzung der archivalischen Sammlungen gesetzlich
geregelt und dessen Handhabung gegeben sind.
Die Zentralstelle in Leipzig arbeitet seit 1904 fast ununterbrochen, auch
wenn wir ein Auf und Ab zu vermerken haben. Die geringen Unterbrechungen und
diese unterschiedliche Entwicklung waren durch die historischen entwicklungsbedingt, aber auch oft finanziellen Zwängen geschuldet. In der
gegenwärtigen Situation in ganz Deutschland und besonders im Freistaat Sachsen
ist aber die Weiterarbeit in Form der Sicherung der Unterlagen sowie der
Auskunftserteilung im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig gewährleistet. Wichtig
jedoch in solchen Situationen ist, dass sowohl der Freistaat Sachsen als auch
die Stadt Leipzig sich ihrer großen deutschlandweiten genealogischen Traditionen
bewusst sind und bleiben.
Die Leipziger Genealogische Gesellschaft e.V. hat sich zur Aufgabe gestellt,
dieses besondere genealogische Erbe zu wahren und es weitervermitteln.
U.B. |