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Prof. Dr. Wolfgang Lorenz, Annaberg-BuchholzKolloquium zur sächsischen Genealogie 2002

Migration in Sachsen

Zusammenfassung zum Vortrag am 16.03.2002
Referent: Prof. Dr. Wolfgang Lorenz, Annaberg-Buchholz

Wenn wir unter der Migration in der Gesellschaft sowohl die größeren, statistisch relevanten Wanderbewegungen, die Abwanderungen bzw. Zuwanderungen aus und nach Sachsen als auch die Bevölkerungsbewegungen innerhalb verschiedener sächsischer Landesteile verstehen, so gehören die Sachsen wohl zu den migrationsfreudigen Leuten. Migrationen sind heute so aktuell, dass besonders die Zuwanderungen nach Deutschland wohl im nächsten Wahlkampf eine große Rolle spielen werden, und die Abwanderung besonders junger Bevölkerungsteile wird für die Landespolitik in den kommenden Jahrzehnten zu einem großen Problem werden.

Genealogen sind auf Details versessen, da sie sich mit dem Individuum und seiner Familie beschäftigen, mit der Abstammung der eigenen Familie und Vorfahren. Migrationen können so von den Genealogen eigentlich immer nur an konkreten Personen festgemacht werden. Darum hier einige dieser konkreten Beispiele von Migrationen aus der eigenen Familie, besonders Zuwanderungen nach Sachsen, die exemplarisch für größere Wanderbewegungen stehen können.

1. Sachsen erlebte einen großen Aufschwung in der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert, als in Folge des neuen Bergschreis im erzgebirgischen Silberbergbau eine beachtliche Zuwanderung von Bergleuten und Kapital zu beobachten war, die auch genealogisch nachvollziehbar ist.

Ich möchte mich hier mit dem Zuzug süddeutschen Kapitals nach Sachsen, und nicht nur nach dem Erzgebirge, beschäftigen. Wir werden dabei erleben, dass so mancher bekannter Sachse eigentlich gar kein Sachse war, denn mit dem Kapital kamen oft auch Vertreter der Kapitalfamilien, oft deren Söhne, um den Einsatz und die Verwertung des Kapitals zu überwachen. Sie gründeten in Sachsen eigene Familien und wurden auf die Dauer hier ansässig. (Das wird u.a. an den Familien Linhardt aus Nürnberg, dem Begründer der Saigerhütte Grünthal, der Familie Uthmann aus Schlesien, den Familien Scherl, Alnpeck, Lotter, Schütz, Ries und deren Verschwägerungen mit Einheimischen behandelt werden.)

2. Eine zweite große Einwanderungswelle vollzog sich im Prozeß der katholischen Gegenreformation mit dem Ausgang des 30-jährigen Krieges. Hier lagen die Ursachen nicht in wirtschaftlichen Interessen, sondern in der Vertreibung des Glaubens. Die Entscheidung: in der Heimat bleiben und katholisch werden, oder dem Glauben treu bleiben und auswandern, zerriss so manche Familie. Die böhmischen Exulanten waren dem sächsischen Landesherrn willkommen, um das durch den Krieg ausgeblutete Land neu zu beleben. Der Landesherr gründete zahlreiche Exulantensiedlungen, meist in Grenznähe. So entstanden 27 neue Orte. Da den Neuansiedlern Steuerfreiheit für einige Jahre zugesichert und das Schlagen von Bauholz aus den kurfürstlichen Wäldern erlaubt war, beteiligten sich dank dieser „Investitionshilfe“ von Anfang an auch Einheimische an den Neugründungen, es entstanden also keine „Ghettos“, die Exulanten blieben nicht unter sich, sondern waren von Anfang an integriert. Das wurde auch dadurch gefördert, dass auf beiden Seiten der Grenze nicht nur Sprache und Kulturkreis identisch waren, sondern Familien häufig die gleiche Abstammung hatten, was die Namengleichheit vieler dieser Familien belegt. (Das Schicksal einiger Exulantenfamilie wird exemplarisch dargestellt werden.)

3. Das 18. Jahrhundert kennt keine so großen Wanderungsbewegungen, obwohl die Zunahme der Bevölkerung und die Hungerjahre in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu Wanderbewegungen innerhalb Sachsens führte. Besonders aus dem Gebirge zogen junge Leute, manchmal ganze Familien weg. (Als Beispiel für diese Binnenwanderung: Fam. Schneider aus Bärenstein.)

4. Der industrielle Aufschwung besonders nach dem Deutsch-Französischen Krieg führte zu einer großen Binnenwanderung. In den sächsischen Großstädten entstanden neue Industriebetriebe mit einem hohen Arbeitskräftebedarf. Die Abwanderung der latent arbeitslosen Landbevölkerung in die Großstädte und Industriezentren, die Entstehung zahlreicher Arbeitersiedlungen an den Stadtgrenzen, lassen sich in zahlreichen Ahnenlisten von Genealogen belegen (Als Beispiel das Abwandern einer Familie aus dem Erzgebirge und einer aus Thüringen nach Leipzig belegt das.)

Die große Zuwanderung nach 1945 aus den ehemaligen Ostgebieten durch Flucht und Vertreibung ist uns als Zeitgenossen dieses Migrationsprozesses noch bewusst; belegen kann ich das in der eigenen Ahnengeschichte nicht.

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