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Frau Martina Wermes, DresdenKolloquium zur sächsischen Genealogie 2002

Hugenottische Emanzipation in Leipzig vom 17. bis zum 19. Jahrhundert

Zusammenfassung zum Vortrag am 16.03.2002
Referentin: Frau Martina Wermes, Dresden

Als 1685 nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes 300.000 französische Glaubensflüchtlinge aus ihrer katholischen Heimat in die protestantischen Gebiete Europas flohen, begann die moderne Asyltradition in Europa. Die Assimilierung der 30.000 französischen Einwanderer in Deutschland setzte mit dem Tag ihrer Ankunft in den Aufnahmeländern ein, da sie hier im Sinne der merkantilistischen Peuplierungspolitik absolutistischer Landesfürsten willkommen waren, ihre Religionsausübung der verwandten protestantischen Umgebung nahe stand /1/ und sie mit ihren handwerklichen und wirtschaftlichen Fähigkeiten sofort zu einer privilegierten Minderheit avancierten, die bald die Rolle eines „importierten Ersatzbürgertums“ (Ingrid Mittenzwei) spielte.

Der Massenexodus aus religiösen Gründen wurde für die Hugenotten daher nicht zum Alptraum, sondern zur innovativen Chance für einen Neubeginn.

Obwohl Sachsen den hugenottischen Glaubensflüchtlingen keine besonderen Startbedingungen bot, siedelten sich 318 französische Reformierte in Leipzig an, davon 93 direkt aus Frankreich, 78 über ein ausländisches Zwischenasyl und 147 aus anderen deutschen Territorien /2/. Hauptgrund wird die Anziehungskraft Leipzigs als Messe- und Handelsstadt gewesen sein. 1700 wurde in Leipzig die französisch-reformierte Gemeinde gegründet. Zwar hatte 1701 der Sächsische Kurfürst mit einem Dekret die Ausübung privater Gottesdienste garantiert, dennoch waren die Hugenotten in Leipzig bis 1811 Bürger zweiter Klasse /3/, d.h. Bürger ohne Bürgerrechte. Als Schutzverwandte unterstanden sie der städtischen Gerichtsbarkeit, ohne jedoch selbst als juristische Personen agieren zu dürfen. Über ihre verwandtschaftlichen Beziehungen, über die wirtschaftliche Verflechtung mit den Honoratiorenfamilien der Stadt Leipzig, über Wohltätigkeitsaktionen in Vereinen und Societäten und über kulturelles Mäzenatentum kompensierten sie, wie im Vortrag zu zeigen sein wird, ihre politische Unmündigkeit und traten aus ihrer anfänglichen sozialen Isolation heraus. Die Rolle der Familien und hier besonders die verwandtschaftlichen Beziehungsgeflechte wurden zur faktischen bürgerlichen Emanzipation genutzt.

Weniger mit dem Import innovativer Produktionstechniken oder der Einführung unbekannter Gemüse- und Obstsorten /4/ taten sich die Leipziger Hugenotten hervor, als vielmehr mit dem Ausbau und der Erschließung von Märkten z.B. nach England und Frankreich (Lyon). Anpassungsprobleme und Akzeptanzschwierigkeiten werden im Vortrag dort aufzuzeigen sein, wo man der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten entgegentrat.

Dennoch haben die hugenottischen Familien das Bild Leipzigs maßgebend mitgeprägt und ihre Leistungen sind es trotz Emigration und Asyl wert, ins Gedächtnis zurückgerufen zu werden.

/1/ In den im Stadtarchiv Leipzig verwahrten Quellen werden sie ab 1700 als „Andersgläubige“ oder „Reformierte Glaubensverwandte“ bezeichnet.

/2/ Vgl. K. Middell. Hugenotten in Kursachen. Aix-en-Provence 1995, S. 67-82.

/3/ Mit dem Königlich Sächsischen Mandat vom 18. März 1811 vollzog sich die religiöse und bürgerliche Gleichstellung der Reformierten. Sie erhielten alle bürgerlichen und politischen Rechte einschließlich der Bürgerrechte

/4/ Der Anbau von Tabak, Spargel und Blumenkohl in Brandenburg sowie die Züchtung von Maulbeerbäumen für die Seidenraupenzucht geht auf die hugenottischen Einwanderer zurück.

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